Navigation

Urbane Brüche, lokale Interventionen

 

Über generelle Analysen kommunaler Entwicklungsprozesse lassen sich kaum je Antworten formulieren, wie eine Qualitätssicherung in der Stadt- und Ortsentwicklung erfolgen könnte. Das Projekt liefert eine detaillierte Untersuchung der politisch-planerischen Strategien und Entscheidungsprozesse in neun Gemeinden.

Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

Nach weit verbreiteter Ansicht ist die Vorstellung, welche die Vereinten Nationen sich von einer urbanen Welt machen, ein Lobgedicht auf die europäische Stadt: kurze Wege, hohe Besiedlungsdichte, öffentliche Räume sowie viele sich überschneidende Funktionen – die europäische Stadt dient schlicht als Bezugspunkt und Modell für die moderne Stadtentwicklung. Eine Reise nach Asien oder Indien zeigt jedoch auf, wie schwierig es ist, dieses Modell global auf städtebauliche Situationen anzuwenden. Selbst im Herzen Europas und insbesondere im suburbanen Umland, wo die Mehrheit der Schweizer Gemeinden angesiedelt ist, scheint das Ideal der europäischen Stadt kontrafaktisch und nicht anwendbar zu sein. Anstatt auf solche Orte „Fertigmodelle“ anzuwenden, müssen wir unser Augenmerk viel eher auf die Prozesse und Gegebenheiten richten, die solche Orte erzeugen. Wenn wir also sowohl für die Orte, die wir erschaffen, als auch für die Landschaft, die wir an unsere Kinder und – angesichts des beständigen Charakters der bebauten Umwelt – an künftige Generationen weitergeben, Verantwortung übernehmen wollen, sollten wir ernsthaft versuchen zu ergründen, wie unsere jetzige Landschaft entstanden ist – und wie wir es besser machen können.

Historisch gesehen hat die Schweiz die Transformation einer Landschaft – die nach den Prinzipien der Stadt, des Dorfes und der ländlichen Gegenden organisiert war – in eine viel komplexere Stadtlandschaft mit zahlreichen, sich überlappenden Wirkungszusammenhängen, Funktionen, Bedeutungen und Formen durchlaufen. Das Projekt „Prozess Städtebau“ ist ein gemeinsames Forschungsprojekt der Universitäten Freiburg und Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), die diese komplexen Zusammenhänge über einen Zeitraum von drei Jahren untersucht hat. Die beteiligten Forschenden konnten die Prozesse, durch die das urbane Gefüge geprägt ist, in einem multidisziplinären Rahmen dokumentieren.

Dieses Forschungsprojekt geht von einer Place-making-Perspektive auf die städtebauliche Planung und Gestaltung aus. Der Vorteil dieses in der städtebaulichen Forschung verwendeten Ansatzes besteht darin, dass die bebaute Umwelt als ein vielschichtiges, sich ständig weiterentwickelndes System verstanden wird, das nicht nach den Vorstellungen einzelner Personen aus Städteplanung oder Architektur, die die Umgebung gestalten, produziert oder darauf reduziert werden kann. Während man in den letzten Jahrzehnten eher danach fragte, wie die Menschen in die Welt der Planung und Architektur eingebunden werden können, damit sie auch ein Mitspracherecht erhalten, geht unser Ansatz viel weiter. Bei unserem Projekt kehren wir die Frage um: Wie können Fachleute wie Städteplaner, Architekten und Planer an der bereits bestehenden bebauten Umwelt partizipieren und zugleich einen Beitrag dazu leisten? Stellt man die häufig gestellte Frage nach der Rolle der gestaltenden Person auf den Kopf (oder „auf die Füsse“), dann ebnet das Projekt den Weg für eine umfassende Analyse des Städtebaus als Prozess.

Vor diesem Hintergrund bieten wir zunächst eine Analyse des planungspolitischen Systems an, und zwar nicht nur im Hinblick auf die möglichen Optionen, sondern auch auf deren Voraussetzungen und Auswirkungen auf städtebauliche Projekte. In einem zweiten Schritt zeigen wir die den Planungsprozessen innewohnende Dynamik auf, die zur Schaffung der so genannten Möglichkeitsräume (Was könnte aus einem sozialen und physischen Ort werden?), aber auch in eine Sackgasse führen kann. Alle diese Dynamiken lassen sich mit Modellsituationen verknüpfen, die wir als „Foren“ bezeichnen. Ein Forum ist die Kurzform für die Rahmenbedingungen eines kollektiven Entscheidungsfindungsprozesses. Und schliesslich fragen wir danach, wie ein Forum gestaltet oder verändert werden kann – und welche Auswirkungen das hat. Dies wiederum führt uns zum Begriff des „Faltens“. Falten bezieht sich auf die Kunst, spezifische Agenten, Orte und Beziehungen miteinander zu verbinden – oder aber voneinander zu trennen. Auf diese Weise lassen sich bestimmte Beziehungen mobilisieren, andere wiederum ausschalten.

Im Hinblick auf praktische Erkenntnisse weisen wir auf folgende sechs Punkte hin:

1. Fragmentarische Stadtlandschaften

Die Schaffung fragmentierter Stadtlandschaften erfolgt ganz gezielt über inzwischen durchaus erkannte Wirkungszusammenhänge zwischen differenzierten Berechtigungen (z.B. öffentlicher Akteure oder deren Vertreterinnen und Vertreter) und städteplanerischen Konzepten. Wenn sich beispielsweise eine Gemeinde die Schaffung von Räumen auf die Fahnen geschrieben hat, die von der Form her einer Stadt aus der Gründerzeit ähneln, kann sie dies nur auf Grundstücken tun, auf denen sie dazu auch berechtigt ist. Während die Morphologie der europäischen Stadt zwar zelebriert wird, so führt diese zwangsläufig auch zu einer Ausbildung scharfer Abgrenzungen zu anderen (angrenzenden) Räumen, in denen dieses Recht nicht besteht und wo der hohe Grad an Umgestaltung nicht stattfinden kann. Auch wenn sich ein solches Phänomen in bestimmten Situationen durchaus beobachten lässt, macht eine der wesentlichen Erkenntnisse des Projekts doch deutlich, dass eine Fragmentierung systematisch, unter äusserst unterschiedlichen politischen und sozioökonomischen Gegebenheiten und auf sehr unterschiedlichen Skalenebenen erfolgt. Vielleicht kann dieses Ergebnis die Menschen dazu bewegen, eine Fragmentierung zu begrüssen und dazu bringen, sie lebenswerter zu gestalten.

2. Gestaltung von Foren

Ein Forum bezieht sich auf ein Beziehungsgeflecht von Agentinnen und Agenten, Dokumenten, Standorten und Fragen, die – als System – bestimmen, was gesagt werden kann und von wem – was Voice ist und was Noise. Ein Forum könnte eine Gemeindeversammlung sein, die Jury bei einem städtebaulichen Wettbewerb oder ein partizipatorischer Workshop mit Breitenwirkung. Die Gestaltung des Workshops bestimmt weitgehend dessen Resultat. Dies bedeutet nicht weniger als Folgendes: Dem Prozessdesign beim Städtebau sollte mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit zuteil werden wie der Gestaltung der Bauten in ebendiesem Prozess, denn letztlich ist es der Prozess, der Möglichkeitsraum für das Gebaute schafft, und NICHT umgekehrt.

3. Sprache – Bild – Geschichte

Foren sind Orte, die auf der Grundlage von Beziehungen geschaffen werden. Sie werden üblicherweise als eine Situation oder eine Gruppe bezeichnet, die „auf einer Kommunikationbasis entstanden ist“. Foren mit einem höheren Mass an Offenheit verfügen auch über eine grössere Vielfalt an Agentinnen und Agenten, Kommunikationsformaten (etwa Skizzen, Karten, Renderings, Pläne, Geschichten) sowie über ein breiteres Spektrum von Diskussionsthemen. Eine solche Vielfalt kommt einer bestimmten Art kollektiver Kreativität im Entscheidungsfindungsprozess zugute und vereinfacht das Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Massstabsebenen (Körper, Zuhause und Nachbarschaft, bebautes Gebiet, Stadt, Region, europäischer Verkehrskorridor und mehr). Kurz: Ein offenes Forum bewirkt mehr als ein geschlossenes.

4. Kompetenzverteilung innerhalb der Verwaltungen

Manche Stadtverwaltungen setzen Verwaltungsapparate ein, die in der Lage sind, Planungsprozesse gekonnt und engagiert zu steuern. Dies kann, muss aber nicht zwingend der Bildung offener Foren zugutekommen, in denen private wie auch öffentliche Akteure zusammengebracht werden, die ihrerseits wiederum neuartige oder sogar innovative Projektlösungen hervorbringen. Doch neigen, wie die Ergebnisse zeigen, bestens ausgestattete und so genannte professionelle Verwaltungen auch dazu, rigide Kommunikations- und Managementformen zu schaffen. Die Grösse bzw. Professionalität von Verwaltungen sagt nur sehr wenig aus über das Vorhandensein innovativer Prozesse, Kreativität oder eine allumfassende Gestaltung. Während eine professionelle Verwaltung Unterstützung bietet, aber auch restriktiv sein kann, vermag eine kleine, von Laien geführte Gemeinde es vielleicht, den Boden für ein hochgradig motiviertes Individuum zu bereiten, das seinerseits ein positives Diskussionsklima schafft und private Investoren anzieht. Die strukturellen Parameter kommunaler Strukturen und die Besonderheiten der Place-making-Prozesse sind nur in geringem Masse miteinander verknüpft. Es liesse sich in diesem Zusammenhang ¬an ein instabiles Gleichgewicht denken, das – je nach einem stärkeren oder einem weniger starken Irritationsmoment – auf die eine oder andere Seite kippen kann.

5. Verwendung von Planungsinstrumenten

Die Verwaltung hat auf unterschiedlichen institutionellen Ebenen eine breite Palette von Planungsinstrumenten zur Auswahl (von einer Top-Down-Bauordnung bis hin zu eher gemeinschaftlich ausgerichteten steuerungsähnlichen Instrumenten). Je professionalisierter öffentliche Verwaltungen sind, desto eher neigen sie zur Auswahl komplexerer Planungsinstrumente, an denen mehr private Akteure beteiligt sind. Im Gegensatz dazu tendiert eine kleinere Stadtverwaltung eher zu einem Top-Down-Planungsmodus. Auch wenn der Auswahl einzelner Instrumente relativ viel Aufmerksamkeit zuteil wird, zeigt unsere Forschung auf, dass es darauf im Grunde gar nicht ankommt. Der Prozess der Auswahl von (Standard-)Planungsverfahren ist lediglich ein schwacher Indikator für den Verlauf des Planungsprozesses. In Wirklichkeit werden die Steuerungskapazitäten von Gemeinden und privaten Investoren in Bezug auf die Schaffung urbaner Qualität während des Planungsprozesses auf vielerlei Art und Weise umgesetzt. Wichtiger als die reine Auswahl der Instrumente ist die kollektive und somit kommunikative Evaluierung der Definitionen von Planungszielen.

6. Identifikation von Interventionspunkten

Die Wahl von Policy-Instrumenten und Prozessdesigns implizieren Momente der Öffnung und Schliessung von Möglichkeitsräumen. Bei der Öffnung werden Planungsprozesse politisiert, bei der Schliessung werden sie von öffentlichen Debatten und Bestrebungen abgeschnitten. Wir sollten allerdings auch erwähnen, dass die Öffnung von Möglichkeitsräumen sowohl für die Verwaltung als auch für Investoren mit Risiken verbunden ist, da eine solche Öffnung Planungsprozesse behindern und sogar dazu führen kann, dass Projekte, Visionen und Konzepte aufgegeben werden. Unsere Forschung hat eindeutig aufgezeigt, dass derartige Risiken häufig – oder sogar üblicherweise – durch Strategien vermieden werden, mit denen man um offenere Möglichkeitsräume herumkommt. Selbstbeschränkung ist das Kernstück der Schweizer Planungskultur. Die Vermeidung potenzieller Rekurse oder möglicher Volksabstimmungen führt zu mediokren, uninspirierten und mutlosen Lösungen. Dadurch entstehen systematisch Räume, die nur „schwer lesbar“ sind (und denen es somit an ästhetischen Qualitäten mangelt). Depolitisierte Planungsverfahren könnten vermieden werden, und zwar nicht, indem nur offene Foren geschaffen werden (was mit unbezahlbaren Kosten und mangelnden Steuerungsmöglichkeiten einherginge), sondern vielmehr, indem geschlossene und offene Foren sorgfältig konzipiert und in eine logische Abfolge gebracht werden, in denen Debatten zwischen unterschiedlichen, heterogenen Akteuren wie Politikerinnen und Politiker, die breite Öffentlichkeit, Fachleuten aus privaten Investitionsfirmen oder der Architektur angeregt und begleitet werden könnten. In der Folge liessen sich vielfältige Verantwortungsebenen, die Rechtsprechung und räumliche Visionen und Aussichten in Bezug auf die bebaute Umwelt besser in einen Prozess einbinden, der als solcher selbst zum Ausdruck der Vielfalt würde.

Originaltitel

Urban Events: problems and prospects for promoting urban quality in Swiss suburban municipalities

Projektleiter

  • Prof. Joris Ernest Van Wezemael, Departement Architektur, ETH Wohnforum - ETH CASE
  • Prof. Dietmar Eberle, Departement Architektur, ETH Wohnforum - ETH CASE
  • Dr. Ignaz Strebel, Departement Architektur, ETH Wohnforum - ETH CASE
  • Prof. Daniel Kübler, Institut für Politikwissenschaften, Universität Zürich

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Prof. Joris Ernest Van Wezemael ETH Wohnforum - ETH CASE
Departement Architektur
St.-Franscini-Platz 5 8093 Zürich vanwezemael@arch.ethz.ch

Zu diesem Thema